50 Milliarden Euro und trotzdem in der Krise
- petraprokot
- 9. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Deutschland gibt jedes Jahr Milliarden für Bildung, Betreuung, soziale Leistungen und Familienförderung aus. Allein die Ausgaben für Kindertagesbetreuung sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig wurden neue Förderprogramme aufgelegt, Qualitätsinitiativen gestartet und zusätzliche Mittel von Bund, Ländern und Kommunen bereitgestellt.
Man könnte also erwarten, dass sich die Situation in den Kitas spürbar verbessert hat.
Doch genau das erleben viele Menschen vor Ort nicht.
Eltern kämpfen um Betreuungsplätze. Fachkräfte verlassen erschöpft den Beruf. Leitungen arbeiten am Limit. Träger sehen sich mit steigenden Defiziten konfrontiert. Kommunen suchen nach Wegen, die Kosten überhaupt noch tragen zu können.
Wie kann das sein?
Wie kann ein System immer mehr Geld erhalten und sich gleichzeitig immer instabiler anfühlen?
Mehr Geld bedeutet nicht automatisch mehr Wirkung
Wenn in einer Familie die Ausgaben steigen, erwartet man normalerweise auch eine Verbesserung der Lebensqualität. Bei komplexen Systemen funktioniert diese Logik jedoch nicht immer.
Ein System kann durchaus mehr Ressourcen erhalten und dennoch an Stabilität verlieren.
Genau diesen Eindruck habe ich in den vergangenen Jahren in vielen Kitas gewonnen.
Die Frage ist deshalb nicht mehr:
„Geben wir genug Geld aus?“
Sondern:
„Kommt das Geld dort an, wo es die größte Wirkung entfalten kann?“
Die stille Ausweitung der Anforderungen
Während die finanziellen Mittel gestiegen sind, sind auch die Erwartungen an Kitas massiv gewachsen.
Kitas sollen heute:
Bildungseinrichtung sein
Sprachförderung leisten
Inklusion umsetzen
Kinderschutz gewährleisten
Familien beraten
Integration fördern
Dokumentationen erstellen
Qualitätsmanagement betreiben
Personal entwickeln
Gesundheits- und Präventionsangebote umsetzen
Jede einzelne Aufgabe ist sinnvoll.
Das Problem entsteht, wenn ständig neue Anforderungen hinzukommen, ohne dass gleichzeitig ausreichend Zeit, Personal und Strukturen geschaffen werden.
Das System wird immer komplexer.
Der Personalmangel ist oft nur das sichtbare Symptom
In öffentlichen Diskussionen wird häufig vom Fachkräftemangel gesprochen.
Doch der Fachkräftemangel ist häufig nicht die eigentliche Ursache der Probleme.
Er ist vielmehr das sichtbare Ergebnis eines Systems, das über viele Jahre immer stärker belastet wurde.
Wenn Fachkräfte dauerhaft Überstunden leisten, Leitungen Verwaltungsaufgaben übernehmen müssen und Teams ständig am Limit arbeiten, steigt zwangsläufig die Belastung.
Steigende Krankenstände führen wiederum zu noch mehr Belastung für die verbleibenden Mitarbeitenden.
Ein Kreislauf entsteht.
Viele Einzelmaßnahmen, wenig Gesamtsteuerung
Ein weiterer Eindruck aus der Praxis:
Für viele Probleme existieren Förderprogramme.
Es gibt Programme für Qualität, Programme für Sprache, Programme für Integration, Programme für Digitalisierung und Programme für Fachkräftegewinnung.
Jedes Programm verfolgt ein sinnvolles Ziel.
Doch oft entsteht dabei ein Nebeneffekt:
Das System wird unübersichtlicher.
Statt einer klaren Gesamtstrategie entstehen viele Einzelmaßnahmen nebeneinander.
Jeder Bereich versucht, sein eigenes Problem zu lösen.
Doch wer betrachtet das Gesamtsystem?
Warum Stabilität wichtiger wird als Wachstum
Über viele Jahre stand vor allem der Ausbau der Betreuungsplätze im Mittelpunkt.
Das war notwendig und richtig.
Heute stehen viele Einrichtungen jedoch vor einer anderen Herausforderung.
Nicht der Ausbau ist das größte Problem.
Sondern die Stabilisierung des Bestehenden.
Eine Kita kann nur dann gute Bildungsarbeit leisten, wenn grundlegende Voraussetzungen erfüllt sind:
ausreichend Personal
stabile Teams
verlässliche Leitungsstrukturen
finanzielle Planungssicherheit
Vertrauen zwischen Eltern, Trägern und Mitarbeitenden
Fehlt einer dieser Bausteine dauerhaft, geraten die übrigen Bereiche ebenfalls unter Druck.
Was wir künftig stärker betrachten müssen
Vielleicht sollten wir uns künftig weniger fragen, wie viel Geld in ein System fließt.
Und stärker darauf schauen, wie stabil das System insgesamt ist.
Denn Stabilität entsteht nicht allein durch finanzielle Mittel.
Sie entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren.
Genau deshalb reicht es oft nicht aus, einzelne Probleme isoliert zu betrachten.
Wir müssen die Zusammenhänge verstehen.
Wir müssen erkennen, welche Entwicklungen sich gegenseitig verstärken.
Und wir müssen lernen, Systeme frühzeitig zu beobachten, bevor sie in eine Krise geraten.
Denn die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre wird nicht sein, immer mehr Geld auszugeben.
Die eigentliche Herausforderung wird sein, die Stabilität unserer gesellschaftlichen Systeme zu sichern.
Die Kitas sind dabei nur ein Beispiel.
Vielleicht aber ein sehr aufschlussreiches.
Im nächsten Teil der Serie geht es um eine unbequeme Frage:
Finanzieren wir in Deutschland eigentlich noch Beziehungen zwischen Menschen – oder nur noch Betreuungsplätze?
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